Transformationen der Klassiker

Jeder, der sich die Frage stellt, warum alles, was 'klassisch' ist, mit so grossem Ansehen umgeben ist - ob es nun die klassische Musik, die Architektur oder auch die Malerei anbelangt - sollte beim englischen Künstler Robert Pothecary zu Rate gehen. Er zeigt uns mit seinen Gemälden deutlich, das klassisch nicht langweilig, neutral, vorbei oder gar überholt ist, sondern ein Fundament und Nährboden. Für ihn ist die Vergangenheit nie vorüber, sondern setzt sich kraftvoll in die Gegenwart fort.

Dass es immer wieder zu "Renaissancen" kommt, zeigt, dass Kultur und Geschichte einer Bachschen Fuge ähneln: ein einziges Thema erklingt in immer anderer Gestalt und blühenden Improvisationen, verschieden und doch gleich, identisch und jedesmal frisch und vollkommen neu. Es geht Robert Pothecary nicht darum, die Gegenwart zu missbilligen und zu verwerfen Dazu sind seinen prachtvollen, figurativen Farbkompositionen zu zeitgenössisch und ohne Präzedent. Der Glanz und die Pracht der Vergangenheit, das aus Stein gemeisselte Haupt des Athener Staatsmanns Perikles, der Löwenkopf mit wilder Mähne und die schlanken antiken Säulen mit Akanthusblatt sind keine vergilbte oder nostalgische Souvenirs, sondern Symbole einer lebendigen Tradition. Ein Baum wird von seinen alten Wurzeln mit Nährstoffen versorgt. Damit bildet er jedes Jahr neue Blätter. So verhält es sich auch mit der Kultur. Robert Pothecary schafft hierin zeitgenössische Transformationen der tragenden Querverbindungen. Die Pfeiler der europäischen Gesellschaft, verborgen unter Schichten kulturellen Mauerwerks, unter vergänglichen Stilrichtungen und ästhetischen Strömungen, sind sicher kein Dürrholz. Sie schlagen wiederum Wurzeln in der Klassik und gelangen zur Blüte.

Griechenland, Rom und die antike mediterrane Welt bilden die Wiege unserer bildenden Kunst, Literatur, Wissenschaft und unseres Rechts. Vom Wall des römischen Kaisers Hadrian in Schottland bis an die Paläste von Königin Senobia im syrischen Palmyra herrschte ein einheitliches kulturelles Klima. Alles, was innerhalb dieser Einflusssphäre entstand und immer noch entsteht, trägt den Stempel dieses Ursprungs. Robert Pothecary malt Erinnerungen an seine Reise entlang der Ufer des Binnensees unserer Zivilisation. Wie die klassischen Geographen Strabius und Pomponius Mela entdeckt er an jeder Anlegestelle neue Überraschungen, und diese teilt er mit uns durch seine Gemälde mit Blattgold und verwitterten roten Ockern. Wir schauen über seine Schulter mit und sehen zwischen den zerbrochenen Mosaikböden und verfallenen Triumphbögen von Petra, der verborgenen Jordanischen Stadt, das Gesicht einer verschwundenen, doch springlebendigen Welt auftauchen.

Gemeinsam mit Pothecary blättern wir sozusagen durch das kulturelle Familienalbum, und die Zeit, die uns trennt von seinem Kollegen Apelles, einem viel gerühmten Maler der Antike, fällt auf einmal weg. Wir stehen mitten in seinem Atelier, riechen die Farbe und sehen auf einem kleinen Podest seinen Auftraggeber Alexander den Grossen sitzen. Der Eroberer wird mit einem Blitzstrahl in der Hand, der vernichtenden Waffe des Zeus, abgebildet. Natürlich, denn Alexander war, wie er selbst sagte, ein Sohn des griechischen obersten Gottes und darum unbesiegbar. Kunst, Mythologie und Geschichte greifen hier ineinander wie die Räder im Uhrwerk der Kultur. Pothecarys Gemälde lassen uns durch die verlassenen Amphitbeater herumschweifen, wo noch der Nachhall der Vergangenheit hängengeblieben ist, und das Getöse der Menge gerade eben erst verstummt ist. Die Gegenwart ist weniger als eine Sekunde entfernt.

Jedes Werk ist vielschichtig - in beiden Bedeutungen des Wortes - in Temperatechnik ausgeführt, bereichert mit Kollage-Effekten, Sand und zuweilen sogar einer angebrachten alten Münze, immer reich an sich überlappenden Bedeutungen und Inhalten. Unabänderlich laufen die Fäden des komplexen Gewebes der Bilder weiter bis in die Gegenwart. Eine Art Ariadnefaden, dem bei Pothecary nicht gefolgt werden muss, um wieder sicher aus einem Labyrinth mit einem Monster zu gelangen, sondern um den Weg zurück zu den Schatzkammern der Vergangenheit zu finden, die nichts von ihrem ästhetischen Wert und ihrer Schönheit verloren haben.